Sonntag, 8. Dezember 2013

Ausschnitt aus "Kaltfleisch - Faule Begierden"


„Fährst du mal die Restekiste raus?“
„Wie bitte?“
Dr. Gießer lachte.
„Siehst du den großen Edelstahlcontainer da hinten?“
„Ja.“
„Dort landet das, was die im OP rausschnippeln. Organe, Tumore, Amputationen. Schlachtabfälle.“
„Okay.“
„Bisschen weiß um die Nase, was? Na, ist ja auch kein leichter Job hier. Bist du Mann oder Maus?“
„Ich bin ein Mann!“
„Das freut mich. Dein Vorgänger hat früher schlapp gemacht.“
„Mich macht es hart.“
„Na, dann werde ich mich an dein Gesicht noch gewöhnen müssen.“

*

An der Laderampe. Räumte er ein, was nicht in den Müllschlucker passte. Die Überreste der menschlichen Gesellschaft. Die guten ins Kröpfchen, die schlechten ins Töpfchen. Tumore, schwarz und böse wuchernd. Organlappen, braun und violett. Sie erinnerten ihn an Rinder-Suppenfleisch. Die amputierten Stümpfe, dunkelrosa wie Lachsaufschnitt. Er wagte es nicht. Mehr in seinen Beutel zu packen. Als er vertuschen konnte. Dinge, die er mit nach Hause nehmen konnte. Ein Bündel Arme wie ein Frühlingsstrauß. Konnte er im Kofferraum verstauen. Was nicht im Müllschlucker landete. Sammelte er ein, für sich. Leider konnte er keine Überstunden abrechnen. Wenn er Arbeit mit nach Hause nahm. Geborgenheit in geborgten Armen. Friedlich schlief er ein.
Es war lange her, seit er faules Fleisch besessen hatte. Nun war er davon besessen. Streichelte und liebkoste es. Den ganzen Tag in der Fabrik dachte er an sie. Zum ersten Mal seit Monaten sahen ihn die Kollegen lächeln. Manch einer glaubte, er wäre vielleicht verliebt. In gewissem Sinne war er das auch. Die Arme aßen mit ihm zu Mittag. Damit sie über den Tisch sehen konnten, hatte er ihnen einen Stapel Kissen untergeschoben.
„Bettzeit, meine kleinen Luder. Macht euch schick für Papa.“
Jens malte seine Armhuren an. In der Drogerieabteilung fand er Nagellack in verschiedenen Farben. Zuerst war er von der Auswahl überfordert gewesen. Doch dann fragte er sich, was Mutter wohl gefallen würde. Gerne hätte er es eine Spur nuttiger gehabt. Aber Mutter hätte ihm das nie erlaubt. So entschied er sich für zwei Farben: Rot und Glitzer. Bei Bijou Brigitte deckte er sich mit billigem Modeschmuck ein. Armreifen und Fingerringe. Sie hatten keinen Arsch mehr, mit dem sie hätten wackeln können. Aber Handgelenke, die sie aufreizend kreisen lassen konnten. Hochzufrieden verließ Jens das Kaufhaus.
Er blies die Kerze aus. Drehte im Schlafzimmer die rote Glühbirne ein. Zog ein Spannlaken aus Latex über. Nicht, weil er darauf stand. Sondern der Flüssigkeit wegen, die aus den Armen sickerte. Die Stümpfe waren schon ganz verkrustet. Und mit jeder Nacht in seinem Bett brach die Kruste wieder auf. Sie hatten so kalte Hände, als sie ihn berührten. Dass es ihm ganz heiß wurde. Langsam glitten sie seine Brust hinunter. Kitzelten mit ihren Kettchen seine Nippel, die augenblicklich verhärteten. Weiter unten. Wo er es vor Hitze nicht mehr aushielt. Packte endlich eine kalte Hand zu. Massierte ihn sanft. Molk den letzten Tropfen aus ihm heraus.

*

Man musste die Gliedmaßen nehmen, wie sie kamen. Auf Sonderangebote achten, wenn man seinen wöchentlichen Speisezettel zusammenstellte. Seine Lenden hätten auf Arme Appetit gehabt. Zu lebhaft hatten sich die Bilder in seinem Kopf eingebrannt. Achtlos hatte er die Abfälle missachtet, die der menschliche Körper dem Nekrophilen bot. Dabei zählte gerade Schlachtplatte zu den einfachen, bodenständigen Delikatessen!
An der Fleischtheke empfahl er sich Beine, das Angebot des Tages. Ganze Beine, halbe Beine, Waden, Füße, Zehen. Real-Life-Prothesen. Mit dem ganzen Kleinkruscht konnte er nichts anfangen. Auch traute er sich kaum, die ganzen Beine mitzunehmen. Er hätte sie vielleicht schultern können. Aber so über den Parkplatz laufen? Leider undenkbar. Blieb also alles unterhalb des Knies übrig. Was Jens nicht die Stimmung vermieste. Damit ließ sich ein schöner Abend verbringen. Nachdem er zwei Schuhgeschäfte abgegrast hatte, gab er seine Suche entnervt auf. Wendete sich an den Sexshop seines Vertrauens. Wo er knallrote Riemchensandalen bekam. Absätze, steil und hoch. Dazu schwarze Seidenstrümpfe. Sie würden etwas zu lang sein. Wo das Bein aufhörte.
Er entschied sich dafür, seine Beinhuren ebenfalls anzumalen. Nagellack hatte er noch zuhause. Wenn nur die Armhuren ihm nicht eifersüchtig wurden! Zuhause verbannte er sie in eine Schublade, damit sie dem bunten Treiben nicht zusehen mussten. Duschte sich für die neuen Beinhuren, während alle Fenster der Wohnung zum Lüften aufstanden. Das hätte ja noch gefehlt. Dass er den Nachbarn aufgefallen wäre durch unangenehmen Geruch im Treppenhaus. Deswegen hatten sie ihm damals Mutter weggenommen. Ihn selbst störte der Geruch nicht. Wie sonst sollte ein Tier seine Artgenossen erkennen. Wenn nicht am Geruch? Hunde markierten ihr Revier, indem sie in alle Ecken pinkelten. So weit würde Jens nicht gehen. Zitternd, in einen Bademantel gehüllt. Schlug er alle Fenster zu, und drehte die Heizung hoch. Dachte an die Lungenentzündung, die er sich bei der Leiche im Wald geholt hatte. Brachte die Beinstümpfe ins Schlafzimmer. Zog ihnen die Hochhackigen an und Seidenstrümpfe. Schnürte sie oben und unten zusammen, wie einen Schwimmflügel. Durch dessen Rosette er mühelos seinen Schwanz schieben konnte.

*

In der Krebssaison fiel mehr menschlicher Abfall an. Die Restekiste war kein Supermarkt, der rund um die Uhr alle Waren des täglichen Bedarfs anbot. Monatelang schleppten sich die Kranken so dahin. Hielten wacker den Kopf über Wasser. Dann explodierte plötzlich eine Supernova an Metastasen in ihrem Körper. Eilig eilten die Ärzte herbei. Wegzuschneiden, was noch ging. Bevor der Tod weiter streute. Meistens wirkte die Restekiste wie ein verwaister Brotkorb. Wo die frischen Baguettestangen wohlig duftend in den Himmel ragten. Dann begann die Krebssaison, und die Stahlwanne füllte sich bis zum berstenden Rand. Begann zu stinken und Fliegen anzuziehen. Wie der Biomüll im Pausenraum, für den sich niemand zuständig fühlte.
„Guck, dass die Restekiste rauskommt. Bei dem Mief kann ich nicht arbeiten.“
„Ich dachte, Gerichtsmediziner wären an den Geruch des Todes gewöhnt?“
„Gewöhnt, ja. Ihn mögen? Nein.“
Dieses Mal bekam Jens kaum den Kofferraum seines Wagens zu. Er klemmte einen Finger ein. Hätte noch ein Mensch daran gehangen. Hätte er vielleicht aufgeschrien. Immer wieder musste Jens daran denken, dass die Eigentümer dieser Körperteile noch lebendig auf der Welt herumliefen. Denn nicht jeder erlag gleich seinem Leiden. Und während sie ein paar Etagen über ihm in ihren Betten lagen, faulten in der Pathologie die Extremitäten. Selten war der Tod dem Leben so nah. Und um einen Abglanz dieses intimen Momentes zu erhaschen, nahm er ihre Reste nach Hause.
Die Beute war so reichlich ausgefallen, dass er sich ein Bad in ihnen gönnen konnte. Er kippte die blauen Müllsäcke in der Badewanne aus. Nahm die Wurzelbürste mit den Naturborsten, und rührte um. Ungefähr so, wie man eine Auflaufform umschichtet. Damit der Geschmack gleichmäßiger ausfällt. Fehlte nur noch der Hauptgang. Jens ölte sich mit Olivenöl ein, er mochte dessen bitteren Geruch. Flutschen musste es. Locker durchgemischt wie ein Salat. In dem er das Salatbesteck war. Er hielt die Luft an. Glitt zwischen sie. Ein Bademeister mit tausend Armen. Die indische Göttin Kali. Drehte sich. Um die eigene Achse, immer schneller. Wie ein Derwisch. Sah kleine schwarze Sternchen. Riss den Mund auf wie den Verschluss einer Getränkedose, und zog gierig Luft ein. So wie ein Verdurstender Wasser aufsaugt. Inhalierte das Aroma fauler Arme und Beine. Fleischsalat mit Olivenöl. Ein leichter Druck auf den Soßenspender, und es kam ihm.

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